Angedacht

Warum kommen an Heiligabend so viele Menschen in die Kirche wie an keinem anderen Tag? Ich habe keine schriftliche Antwort auf diese Frage bekommen. Aber heute sagte jemand im persönlichen Gespräch: „Das gehört doch einfach dazu. Die Predigt ist mir gar nicht so wichtig, aber ‚Stille Nacht‘ muss schon sein und ‚Oh du fröhliche‘ will ich auch singen und natürlich freue ich mich auf die besondere Atmosphäre in der Kirche“. Ich vermute Ähnliches und zudem noch Tieferes:

Manchmal schreibe ich im Religionsunterricht zwei Worte auf die Tafel: „Gott“ und „Mensch“. Im Glauben, in der Religion kommen diese beiden zusammen, erkläre ich den Schülerinnen und Schülern. Und male einen Kreis um beide Worte. Mal wird die Aktivität stärker von Gott aus gedacht, dann sprechen wir theologisch von Offenbarung. Mal betrachten wir die Aktivität eher vom Menschen aus, dann arbeiten wir mit dem Begriff der Religion. Wir spüren aber gerade im Bereich des Religiösen, dass wir da vieles nicht machen können. Trotz aller Hilfsmittel, von denen wir im Advent alle fast perfekt beherrschen und anwenden, angefangen bei der Ausgestaltung unserer Räume, über Lieder, Texte, Stimmungen, besonders schmackhafte Nahrungsmittel und andere Menschen. Nur eine Zutat fehlt uns oft: die Zeit. Das ist das Schwierigste im Advent, daß diese Zeit so gefüllt und oftmals überfüllt ist. Hektik statt Besinnlichkeit überkommt uns und stört gewaltig.

Die Zeit als freie und zur Verfügung stehende Zeit scheint aber an Weihnachten gekommen zu sein. Viele haben oder nehmen sich frei, für das Fest und die Tage danach, für die Familie, auch für die Feier in der Kirche. All das, was schon die Adventszeit prägt, kommt dann am Heiligen Abend noch einmal wie zu einem großen Finale zusammen: Lieder, Musik, Schmuck, Lichter, Kerzen, Stimmung, der große Weihnachtsbaum, die beste Weihnachtsgeschichte aller Zeiten, die von Lukas. Und – nicht zu vergessen - unser Wunsch, dass doch Gott und Mensch zusammenkommen mögen. Er ist so alt wie die Menschheit. Und oft liegt er tief in uns vergraben. Es gibt aber Religionen wegen dieser Sehnsucht: „Gott, komm in meine Welt!“ Einmal möge Gott in mein Herz einziehen, bei mir sein, mich heil und glücklich machen. An Weihnachten, bitte, wenigstens an Weihnachten: Gott, komm! Und bis dahin freue ich mich auf Dein Ankommen und bereite alles schön vor…

Mit adventlichen Grüßen
Ihre Birgit Niehaus, Pfarrerin