Angedacht - Den Karfreitag auf dem Altar der Wirtschaft geopfert

So war ein Artikel auf „evangelisch.de“ im Internet angekündigt. Dahinter steckt folgende politische Entscheidung: Die österreichische Regierung stufte den Karfreitag zum "persönlichen Feiertag" herab. Bislang war er zumindest für die wenigen Protestanten und Altkatholiken im Land ein gesetzlicher Feiertag. Nun müssen sich Menschen, die am Karfreitag in den Gottesdienst gehen oder einfach frei haben wollen, Urlaub nehmen. Das Hauptargument gegen den Karfreitag als gesetzlichen Feiertag für alle (was diskutiert wurde, um eine Ungleichbehandlung auszuschließen) war: Der Karfreitag gilt in Österreich als einer der umsatzstärksten Tage im Einzelhandel. Er wurde also für den Konsum geopfert. Ausgerechnet die Partei, die den Untergang des Abendlandes befürchtet, hat nun in Österreich eine Tür geöffnet, die in der Tat die Gesellschaft erheblich umkrempeln könnte. Wenn das Schule macht und auch in Deutschland die mächtigen Wirtschaftsverbände kirchliche Feiertage abschaffen wollen und die Politikerinnen und Politiker davon überzeugen, wird sich viel verändern, nicht nur für die Kirchenmitglieder und Gottesdienstbesucher.

Ich habe diesen Artikel auf Facebook geteilt und sofort stand folgender Kommentar darunter: “Man sollte kirchliche Feiertage nur für Kirchenmitglieder und kirchensteuerzahlende Gläubige bewilligen.“ Ja, diese Meinung könnte ein Trend werden, auch in Deutschland. Und ich habe geantwortet: “Das klingt sehr konsequent, aber es würde jenseits von jeder Gottesdienstkultur vor allem die Feiertags-, Freizeit- und Familienkultur extrem verändern, weil es dann nur noch individuelle Feiertage gäbe - das Ende vieler Gemeinsamkeiten und gemeinsam verbrachter Zeiten, auch zwischen den Anhängern verschiedener Religionen und Religionslosen. An allen aufgegebenen Feiertagen würde der Kapitalismus regieren und uns zum Arbeiten bringen oder zwingen, falls wir der entsprechenden Religion nicht angehören oder keine Anträge auf Arbeitsbefreiung stellen. In einer solchen Gesellschaft möchte ich nicht leben. Ein Hoch auf Sonn- und Feiertage - zumal in einer Leistungsgesellschaft wie unserer.“ Das meint und wünscht allen eine gesegnete und ruhige Karwoche mit gesetzlichem Karfreitag

Ihre Birgit Niehaus, Pfarrerin,
die sich freut, in Deutschland und nicht in Österreich zu wohnen