Ist der Mensch ein egoistisches Wesen?

Helfende Hand
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Ein Soziologieprofessor stellt seinen Studierenden im ersten Semester immer diese Frage: „Was meinen Sie? Ist der Mensch ein egoistisches Wesen, das seinen eigenen Vorteil sucht? Und wenn er hilfreich ist, dann tut er es, weil er sich davon etwas verspricht? Oder meinen Sie: Der Mensch ist ein soziales Wesen? Seiner Natur entspricht es, anderen helfen zu wollen ohne dafür etwas zu erhalten?“ Die Studierenden entscheiden sich zu 80% für die erste Sicht.

Doch Soziologie, Hirnforschung und Psychologie haben in vielen Studien herausgefunden, dass es keine Anhaltspunkte für diese Sicht gibt. Vielmehr könne der Mensch gar nicht anders, als Anteil zu nehmen. Die Hirnforschung spricht von sog. Spiegelneuronen. D.h. wenn Du einen Menschen mit echter Freude erlebst, „spiegelst“ Du seine Empfindung in Dir und freust Dich mit. Umgekehrt leidest Du mit, wenn Du andere in Not siehst.

Wenn das so ist, warum denken wir dann mehrheitlich so schlecht über uns? Vielleicht liegt das daran, dass wir zwar von Natur aus hilfsbereit sind, die Hilfsbereitschaft aber nicht immer in die Tat umsetzen. Unsere Gabe, gut zu sein, ist wohl im Widerstreit. Vor allem mit der Angst. Der Angst, selbst nicht genug zu bekommen. Aber diese Angst – wie gut ihre Gründe auch sein mögen - ist nicht das Normale, sie muss dir erst antrainiert werden.

Das haben Forscher in einem Experiment mit kleinen Kindern sichtbar gemacht: Die Kinder spielen in einem Raum, ein Erwachsener in einer sichtbar misslichen Lage kommt herein, z.B. trägt er schwer an vielen Dingen, einige fallen ihm herunter. Was machen die Kinder? Fast alle kommen auf ihn zu und wollen helfen.

Dann werden die Kinder in drei Gruppen eingeteilt. Alle erleben immer wieder Menschen in misslichen Situationen. In der ersten Gruppe wird weiterhin nicht auf die Hilfsbereitschaft der Kinder eingegangen. Die Kinder in der zweiten Gruppe bekommen ein Dankeschön. Ein Lob dafür, dass sie geholfen haben. In der dritten Gruppe bekommen sie für ihre Hilfsbereitschaft eine Belohnung. Das wird einige Male wiederholt. Dann kommen alle wieder zusammen und erleben wie am Anfang: Jemand kommt herein und braucht Hilfe und das mehrere Male, ohne das auf die Hilfsbereitschaft der Kinder eingegangen wird. In welcher Gruppe ist wohl die Hilfsbereitschaft jetzt am größten?

Die frappierende Antwort: In der ersten. Bei den Kindern, die eine Zeit lang ein Danke bekamen, ist die Hilfsbereitschaft etwas geringer geworden. Bei denen aber, die dafür belohnt wurden, ist sie anfangs noch da, dann aber bricht sie komplett weg. Diese Kinder haben gelernt, Hilfsbereitschaft muss sich lohnen.

Offenbar ist unsere Zeit so ausgerichtet: Wir meinen, nur mit einer Belohnung oder einer Strafe können wir Menschen motivieren. Also mit äußerlichen Reizen wie Noten oder Geld. Z. B. bekommen viele Kinder Geld für gute Noten oder, wenn sie im Haushalt mithelfen. Aber so verlernen sie, was in ihnen ist: die Gabe zu helfen aus sich heraus. Unser christlicher Glaube erinnert uns: Gott will, dass Du Freude an dem findest, was in Dir ist und was sich durch Dich entfalten will. Vielleicht loben wir in Zukunft unsere Kinder oder Enkel weniger für gute Noten, sondern fragen sie: „Wie ist das für dich, Mathe zu machen, Klavier zu spielen oder im Haushalt mitzuhelfen?“ Und vielleicht ermutigen wir uns und sie immer wieder, zur Abwechslung mal in ein Gesicht zu schauen, das nicht straft und nicht belohnt: In Gottes Angesicht. Hier siehst Du, wie Du wirklich bist: Geliebt und daher begabt mit der Lust, liebevoll zu sein.

Herzlich grüßt Sie
Ihr Pfarrer Matthias Leibach