Wenn der Text abbricht

Strand
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Angedacht

Liebe Leserin, lieber Leser,

in meinem Sommerurlaub habe ich ein spannendes Buch gelesen über die ersten Kapitel in der Bibel: Die Geschichte von Adam und Eva, Kain und Abel. Sie offenbart ein großes Schweigen in dieser ersten aller Familien. Der Rabbiner Howard Cooper sagt: „Eva spricht nie zu Adam, in keiner der biblischen Szenen. Adam spricht auch nie direkt zu Eva. Die beiden Personen des ersten Menschenpaares... sprechen nie zueinander. Beide sprechen ziemlich viel, aber jeder spricht für sich selbst; zwei einsame Individuen am Anfang der Zeit, eingeschlossen in sich selbst, Opfer eines großen Schweigens zwischen ihnen.“

Die Unfähigkeit, miteinander zu sprechen geben die Eltern offenbar an ihre Kinder Kain und Abel weiter. Das wird besonders deutlich an einer Stelle, wo der biblische Text abbricht. Martin Luther hielt diesen Bruch für einen Fehler und dichtete einen Satz hinzu: „Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: ‚Lass uns aufs Feld gehen!‘“ Doch den gibt es im hebräischen Original nicht. Wenn man diese Stelle übersetzt, kommt man zu folgendem Wortlaut: „Und Kain sagte zu Abel, seinem Bruder...

Und es geschah als die beiden auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen Abel, seinen Bruder und erschlug ihn.“ (1. Mose 4, 8)

Wie soll man mit dieser Fehlstelle umgehen? Sie als Fehler korrigieren? Oder dem Wortlaut des Textes Ehre erweisen und ihn ernst nehmen? Ich wende mich zwar immer gegen die willkürliche wörtliche Auslegung der biblischen Botschaft. Aber ich bin ein Verfechter eines sogenannten „close readings“, also des genauen Hinschauens, was da wirklich im Text steht. Und nach dieser Lesart eröffnet sich ein neues Verstehen: Kain versucht tatsächlich ein Gespräch, aber er findet keine Worte. Er hat wie so viele Männer nicht gelernt, seine Gefühle in Worten auszudrücken. Er ist ja voller Zorn über die Benachteiligung durch seinen leiblichen Vater (der lehrt ihn die von Gott verfluchte Tätigkeit als Ackerbauer). Und jetzt kommt noch die scheinbare Benachteiligung durch seinen „Vater im Himmel“ dazu (Gott schaut nur auf Abels Opfergabe). Der Text zeigt uns, wie Kain um Worte ringt. Und wir warten. Warten auf den ersten Dialog zwischen Menschen überhaupt. Wir warten auf Kommunikation, auf Worte, die Bewegung in die verhärteten Fronten bringt. Aber wie so oft im Leben, warten wir auch an dieser Stelle vergeblich. Statt der ersehnten Worte – Schweigen und dann die Tat: „Und es geschah als die beiden auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen Abel, seinen Bruder und erschlug ihn.“ Da wo das Gespräch fehlt, tritt der Tod in die Welt. Das Gegenüber zum Gespräch ist Mord. Wir sehen hier die Macht, die heilvolle Macht von Worten. Und wir sehen ebenfalls den unsagbaren Schmerz, der dort entsteht, wo Worte fehlen.

Die Geschichte geht weiter. Kain wird ein Flüchtling, aber Gott schützt ihn durch ein Zeichen auf der Stirn. Niemand darf Kain umbringen. Die Spirale der Gewalt soll nicht fortgesetzt werden. Dieses Kainsmal tragen wir alle im Angesicht. Denn alle Menschen tragen die Merkmale Kains in sich. Wir sind Opfer und Täter zugleich. Opfer und Täter von ungutem Schweigen. Doch wir müssen nicht töten. Gott fordert uns -wie Kain - immer wieder zum Gespräch auf mit unseren Mitmenschen. Und wenn das zu schwer sein sollte, dann mit ihm. Damit das zornige Schweigen sich verwandelt in ein gutes Schweigen, in ein Gebet zu Gott.

Herzlich grüßt Sie Ihr Pfarrer Matthias Leibach