Wie können wir Rückzugsorte und -zeiten finden? Teil 4

In welchen Räumen fühlen wir uns besonders wohl? Als ich neulich meine Schülerinnen gefragt habe, meinten sie einhellig: in meinem Zuhause, in meinem Zimmer. Das eigene Zuhause ist der wichtigste Rückzugsort für die meisten Menschen. Deswegen ist es so wichtig, eine Wohnung zu haben und auch zu behalten. Dort können wir uns einigeln in Decken, in Wärme, sind umgeben von den Dingen, die wir mögen und von nur wenigen Menschen. An manchen unwirtlichen Tagen ist es auf den Straßen, an öffentlichen Orten und in der Natur so leer, dass offenbar alle zuhause sind.

 

Nun war Jesus in seiner Zeit des öffentlichen Wirkens ohne Zuhause. Aber dennoch hat er meist einen Platz zum Schlafen gefunden in einem Haus bei Freundinnen oder Freunden.

Der Evangelist Markus erzählt uns mehrmals, dass Jesus sich auch mit seinen Jüngern allein in ein Haus zurückzieht. Das ist dann der Ort, wo sie in Ruhe essen können und wo die Jünger die Geschehnisse des Tages verarbeiten und Jesus in kleiner Runde einiges fragen, was sie genauer wissen wollen.

Was macht man, wenn man anderen Menschen nicht entkommen kann, wenn man nicht die Freiheit hat, sich irgendwo in der Natur oder in ein Haus zurückzuziehen? Als Jesus festgenommen wird, ist er in einer solchen Situation. Vor dem Hohen Rat wird er geradezu mit Fragen und Vorwürfen bombardiert. Was tut Jesus? Er schweigt zu alledem, was sie ihm vorwerfen. Man hat wohl erwartet, dass er sich verteidigen würde mit vielen Worten. Aber Jesus schweigt und der Hohe Priester fragt ihn schließlich: „Willst du denn überhaupt nicht reden?“ Und Jesus schweigt weiter. Auch später vor Pilatus ist Jesus wortkarg, so dass auch dieser sich wundert: „Hast du nichts dazu zu sagen? Doch zum großen Erstaunen von Pilatus spricht Jesus die meiste Zeit nicht.

Man bekommt, wenn man das liest, den Eindruck: Jesus ruht in sich. Er lässt all das Fruchtbare, was sie über ihn sagen, nicht an sich herankommen. Er kämpft gegen all das nicht an, weil er wohl weiß, dass es nichts bringen würde. Sein Schweigen verwundert seine Gesprächspartner. Schweigen ist für ihn eine Strategie, sich dem Schlimmen und Unglaublichen zu entziehen und bei sich zu bleiben. Schweigen ist eine Form des Rückzugs.

Ein Rückzugsort Jesu wurde bislang nicht genannt. Er kommt allerdings nur einmal vor und dieser Ort ist uns in Deutschland fremd: die Wüste. Vor seinem Wirken zieht er sich dorthin zurück für 40 Tage und Nächte. Markus berichtet nur sehr knapp davon. Jesus wird in der Wüste vom Teufel versucht, aber er macht zugleich die Erfahrung, unter wilden Tieren zu leben und von Engeln versorgt zu werden. Danach spielt die Wüste keine Rolle mehr für einen bewussten Rückzug. Wüstenzeiten sind extrem. Jesus braucht sie offenbar nicht immer wieder, ganz anders als seine Zeiten am See.

Zusammenfassend kann man sagen: Selbst in den Zeiten intensiven Wirkens zieht Jesus sich immer wieder bewusst zurück, meist an einsame Orte in der Natur, entweder allein oder mit nur wenigen vertrauten Menschen. Er tut dies, um in Ruhe zu essen, zu reden, zu beten, zu schlafen. Um zur Ruhe zu kommen. Markus berichtet auch davon, dass es manchmal nicht gelingt, den Menschenmassen zu entkommen, aber immer wieder macht Jesus den Versuch und häufig gelingt es ihm. Ohne Ruhe- und Erholungszeiten kann keiner wirken.
Wenn Jesus trotz aller Schwierigkeiten geschafft hat, Ruheorte zu finden, werden wir vielbeschäftigten Menschen von heute es auch schaffen können. Wir müssen es allerdings wollen und immer wieder danach suchen und diese Zeiten gegen Übergriffe anderer verteidigen. Der größte Angriff auf unsere Ruhe lauert inzwischen hautnah in unserer Hosentasche oder in unserer Hand. Selbst in die Natur oder an andere Rückzugsorte nehmen wir das Smartphone mit. Dieses Problem hatte Jesus nicht. Das müssen wir selber lösen, indem wir uns für bestimmte Zeiten von ihm lösen.

Gute Erholung wünsche ich Ihnen an Ihren Rückzugsorten!

Mit freundlichen Grüßen
Birgit Niehaus, Pfarrerin