Anders Menschen nah bleiben - Soziale Dienste der Diakonie während der Pandemie

In Zeiten, in denen Abstandsregelungen und Social Distancing geboten sind, ist unsere sozialdiakonische Arbeit unbedingt gefordert den Menschen nah zu bleiben, die unsere Unterstützung brauchen. Zwischen Infektionsschutz und Auftrag gilt es in der Pandemie Nähe Gestalt zu geben – anders, aber Liebevoll, mit Zumutungen, aber mutig. Auch mit Mundschutz kann man Gesicht zeigen und mit Abstand Herz. Das ist systemrelevant, nicht nur unsere Versorgungsdienstleistung.

Geduldig stehen die Menschen vor unserem Diakonie-Sozialkaufhaus.  

Fotos: Diakonie-Sozialkaufhaus

Auf dem Hof sind Markierungen angebracht, die den Abstand sichern. Nur eine bestimmte Anzahl von Kund*innen darf gleichzeitig die Abteilungen betreten. Am Eingang gibt es Masken, Hände müssen desinfi ziert werden, die Aufenthaltsdauer ist begrenzt. Hoflotsen helfen beim Zugang, geben Kaffee und Wasser an die Wartenden aus. Aber die Erwachsenen- und die Kinderabteilung sind wieder offen, seit 27. April. Der alleinerziehen den Mutter im Hartz 4 können wir eine Erstlingsausstattung zusammenstellen für das Baby, das bald geboren wird. Ein anderer findet Ersatz für seine kaputten Schuhe, die alte Dame ein Handy. Wir richten ihr WhatsApp ein und sie kann nach langer Zeit wieder Ihren Enkel „sehen“. Der kleine Junge nimmt zwei Spiele mit und Legos – wenn er jetzt nicht in die Kita kann… Eine Notversorgung gab es auch während der Schließung, jetzt ist es etwas leichter.

Gemeinsam geht es, auch in unserem Team.  

Wir haben ein engagiertes und mutiges Team mit großem Herz, nicht zuletzt mit unseren sozial Beschäftigten, die selbst von Armut und Not betroffen sind, Krisen kennen und über sich hinauswachsen. Sie sind Held*innen in der Krise.

Nicht jeder kann zu Hause bleiben, wenn er kein Zuhause hat.

Wohnungslose Menschen aller Nationen und Kulturen, die wir jetzt noch intensiver begleiten, sind in den jetzigen Coronazeiten besonders gefährdet, da sie keine Chance haben soziale Kontakte zu reduzieren, in der eigenen Wohnung Schutz zu finden. Täglich begehen wir das Bahnhofsquartier und andere informelle Treffpunkte, um sie aufzusuchen, mit ihnen in Kontakt zu bleiben und ihnen zu helfen, wo das notwendig ist. Unser Sozialer Dienst, unsere Fachstelle TABEA, unsere KASA sind wichtige Anlaufstellen „in der Nähe“: für humanitäre Versorgung, für Vermittlung in Unterkünfte und von Krankenhilfe, für Beschaffung von Ersatzdokumenten für Vermittlung in andere Hilfe, die oft sehr eingeschränkt oder gar nicht mehr physisch zugänglich ist…

Beratend und begleitend im Abstand nah.

Fotos: Diakonie-Sozialkaufhaus

Unsere Beratungsstellen für Migrant*innen und Flüchtlinge, für Arbeitslose, für junge Menschen, die aus dem Hilfesystem gefallen sind, sowie unsere Sozialberatungsstellen / KASA, unsere Schuldner- und Insolvenzberatung und unsere Fachstelle für Armutsmigranten sind weiter da. Erreichbar sind sie jetzt weitestgehend nur noch über Telefon, Mails und Social Media, so wie viele andere auch. Im Sozialkaufhaus besteht weiterhin eine Möglichkeit für Face-to-Face-Beratung und Begleitung. Hier kann man mit einem desinfizierten Telefon Kontakt aufnehmen, können Mails verschickt, Unterlagen kopiert und ausgedruckt werden. Nicht jeder hat Telefon, Internet und Drucker. Zunehmende Arbeitslosigkeit, drohende Überschuldung, Einsamkeit, familiäre Krisen bei Familien, die auf engem Raum leben, zunehmende Existenz- und Zukunftsangst in prekären Lebenslagen sind  große Herausforderungen. Gemeinsam gelingt es, dass z.B. ein Hartz-4-Antrag am Telefon ausgefüllt wird, ein verlorener Ausweis über das Konsulat wieder ausgestellt, Familienzusammenführungen stabilisiert, wichtige behördliche Korrespondenz geregelt werden. Eine Schuldenregulierung kann jetzt beginnen, an einen Fachdienst kann schnell vermittelt, Mittellosigkeit kann schnell überbrückt werden… Manchmal sind es Telefonate, die in Einsamkeit trösten und Angst nehmen können. Beratung braucht jetzt mehr Zeit, ist nicht immer einfach im Abstand – aber es geht – kreativ, gemeinsam und anders nah.

Nur Mut! Nur Demut!

Zwischen Ungewissheit, wie es weitergeht und tatkräftiger Hoffnung, zwischen schmerzlichem notwendigem Abstand und der Gestaltung neuer, anderer Nähe ist es wichtig, dass wir auch auf andere achten und achtsam bleiben für den, der größer ist als das, was wir machen können oder eben nicht. So buchstabieren wir die Glaubenssätze von Dietrich Bonhoeffer – mutig und eben auch demütig:  „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, S.30f)

Autor: Wolfgang Grose für den Fachbereich Soziale Dienste

 

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