Angedacht

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Angedacht

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

um diesen einfachen Satz ging es in der vorletzten Ausgabe: Der Gerechte wird aus Glauben leben. (Römerbrief 1,17). Ich hatte dargelegt, wie viele Fragen er aufwirft. So habe ich meinen Kirchenvorstand gefragt, wie er Glauben versteht: als Gehorsam gegenüber Gottes Geboten, als ein Fürwahrhalten oder als Vertrauen? Unsere Kirchenvorsteher*innen haben sich sich mehrheitlich für letzteres entschieden. Das liegt auf der Hand. Vertrauen ist die schönste Übersetzung für Glauben. Seit Weihnachten wissen wir, warum Gott so Mensch wurde: In einem Säugling. Denn Säuglinge kommen auf die Welt mit nichts, außer einer Kompetenz, dieser Gabe Gottes: Sie vertrauen bedingungslos. Und damit versetzen Sie Berge. Damit erreichen sie, dass Mama und Papa alles in Bewegung setzen, dass es ihrem Kind gut geht. Und von der positiven Psychologie haben wir lange – auch im beruflichen Kontext - gehört: Denke positiv! Vertraue Dir und deinen Stärken, darauf kommt es an.

Aber geht es Paulus darum? Sagt er zu Dir: Dein Vertrauen in Dich rettet dich? Nein. Er sagt: Setze Dein Vertrauen allein auf Gott, der die Liebe ist. Und den Du am Kreuz erkennst. Warum sagt er das? Was soll denn falsch sein, wenn Du Dir selbst vertraust? 

Erst einmal nichts. Aber: Wenn Du nur in Dich Vertrauen setzt, kommst nur Du weiter. Die anderen, die Mitmenschen, Deine Umwelt, sie geraten leicht aus dem Blick. Und wenn Du erst hart genug an deinem Selbstbewusstsein, deinem Auftreten gearbeitet hast, denkst Du vielleicht: Das war doch meine Arbeit. Also ist es auch mein Lohn. Wieso soll ich den anderen Rechenschaft oder Verantwortung schuldig sein? Hier wird doch keinem was geschenkt. Also muss ich doch niemandem gerecht werden außer mir selbst. Diese Stimmen kennen wir aus der Wirtschaft und aus uns selbst, nicht wahr? Und so sieht diese selbstgerechte Welt dann aus: Die anderen bleiben auf der Strecke: Die Tierarten, die Umwelt, das Klima, die Mitmenschen und letztlich wir alle. Aber wir machen so weiter, müssen so weitermachen. Denn wir haben dieses Prinzip „Vertrau nur Dir selbst“ zum System erhoben, zum Wirtschaftssystem, dass immer wachsen muss, und dennoch die Armen immer ärmer macht und die Reichen immer reicher.

Meine Eltern sagten damals, als ich klein war: Wir tun alles, damit es Dir später besser geht. Heute sagen jungen Eltern zu ihren Kindern eher: Wir tun alles, damit es Euch nicht schlechter geht als uns. Sie haben den Glauben verloren, dass sich Fleiß, Anstrengung, Bildung noch lohnen. Denn wir sehen ja, was sich in diesem System lohnt: vor allem das Vermögen, das vererbt wird und sich an den Finanzmärkten wie von selbst vermehrt. Aber dieses Gesetz lohnt sich nicht wirklich. Denn es rettet nicht. Es zerstört. Letztlich unser Lebensgrundlage.

Das Gesetz tötet, das sagt auch Paulus. Heute sehen wir: Dieses Gesetz – Glaub nur an Dich selbst – macht die Welt so, wie sie nicht sein soll: nämlich ungerecht, kriegerisch und zerstört. Deshalb ruft Paulus uns heute in Erinnerung: Glaubt nicht an Eure Götter, die Geld oder Geltung heißen. Sondern glaubt an den einen Gott, der die Liebe ist. Wenn Du dem vertraust, wirst Du gerecht. Und Deine Welt wird wieder eine gerechte Welt!

Wie die aussehen könnte, möchte ich Ihnen in der nächsten Folge berichten. Und dann endlich auflösen, wie wir Glauben verstehen können, als Gehorsam, als Fürwahrhalten oder Vertrauen? Aber vielleicht brauchen wir auch hier kein entweder-oder - wie so oft in Glaubensdingen?

Herzlich grüßt Sie Ihr Pfarrer Matthias Leibach