Angedacht

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Angedacht

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor einigen Tagen musste ich mich einer Operation unterziehen. Gott sei Dank lief alles gut. Nach drei Tagen durfte ich wieder nach Hause. Und doch gehen mir diese Tage noch nach. An allen Ecken und Enden spürte man den Mangel und gleichzeitig das große Engagement des Pflegepersonals, ihn zu mildern.

Nach der OP suchte man ein Zimmer für mich und fand keins. Also stand ich auf dem Gang. Weil mich fror, bat ich um eine zusätzliche Decke. Die Schwester kümmerte sich sogleich, musste aber feststellen, dass es auf der Station keine Decken mehr gab. Sie müssten erst bestellt werden. Nach drei Stunden auf dem Gang – die Füße waren inzwischen von alleine warm geworden - fand man ein Zimmer, wo ich zwischen zwei netten Leidensgenossen Platz fand. Aber nicht nur die Freundlichkeit „meiner Mitbewohner“, vor allem die fürsorgliche, aufmerksame und menschliche Zuwendung durch die Schwestern und Pfleger machten diese Tage trotz aller körperlichen Schmerzen schön. Ich staunte: manche Schwester hatte beim Blut abnehmen oder Blutdruckmessen noch Zeit, nicht nur freundlichen, bisweilen humorvollen Kontakt zu uns Patienten aufzubauen. Manch gutes Gespräch, manch kleine Seelsorge zwischen Tür und Angel nahm dort einen Anfang, den es zu vertiefen gelohnt hätte. Wir drei von Zimmer 78 waren uns in vielem, was wir miteinander diskutierten, nicht einig. Aber in einem herrschte völliges Einverständnis: Diese Menschlichkeit und Freundlichkeit des Pflegepersonals ist heilsam. Und alles andere als selbstverständlich. Denn angesprochen auf die Bedingungen eines privatisierten Krankenhauses, wurde auch der alltägliche Frust und die Verzweiflung vieler Pflegerinnen und Pfleger deutlich: Sparzwänge allerorten, zu viele Patienten werden auf zu wenig Personal gerechnet, wenn eine Kraft ausfällt, herrscht Notstand. Ja, der Notstand ist schon Dauerzustand. Ich merkte bald, was ich für ein Glück gehabt hatte: Auf den Gängen der Station standen die Betten vieler Patienten oft einen ganzen Tag lang.

Dazu kommt die miese Bezahlung. Und obwohl allerorten zurecht vom Pflegenotstand gesprochen wird, passiert nichts, gehen wir Menschen nicht auf die Straße für bessere Bezahlung, für bessere Bedingungen, für die Wertschätzung, die diese Menschen wirklich verdienen. Wenn Gutverdiener auf das Prinzip „Leistung soll sich in Deutschland wieder lohnen“ pochen, sollten sie bei den Schwestern und Pflegern in unseren Krankenhäusern beginnen. Denn die machen nicht nur ihren Job. Sie üben ihren Beruf mit Leidenschaft und Liebe aus. Wer diese Liebe nicht mitbringt, würde es nicht lange aushalten. Und diese Liebe heilt, was die wirtschaftlichen Strukturen verneinen. Mir fällt dazu das Herbstgedicht Rainer Maria Rilkes ein, das vom „Fallen“ in „verneinender Gebärde“ spricht. Und davon spricht, wie wir doch gehalten sind durch einen, der durch die Menschen hält, denen ich begegnen durfte:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit.

Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

Sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

Herzlich grüßt Sie Ihr
Pfarrer Matthias Leibach