Angedacht

Gesichter
Bildrechte pixabay

Angedacht

„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache… Und sie sprachen untereinander:...

‚Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder‘…Und der HERR sprach: ‚Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“ (1. Mose 11, 1.4.6-7)

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Geschichte vom Turmbau zu Babylon ist vielen geläufig. In einer ganz bestimmten Interpretation. Die Übersetzung nach Martin Luther legt es nahe: Wir haben es hier mit einem himmelsstürmenden Volk zu tun, die sein wollen wie Gott. Der aber vereitelt ihr größenwahnsinniges Himmelsbauwerk, indem er ihre Sprache verwirrt. Die heutige Vielfalt unserer Sprachen ist also Ergebnis einer Strafaktion Gottes.

Meine 7. Klasse hat an dieser Lesart bemerkenswerte Zweifel. Sie haben sich gefragt: Wer wollte diesen Bau? Sagen auch die Sklaven, die den Turm bauen und nicht selten ihr Leben dafür lassen müssen: „Wohlan, lasst uns…“? Versteckt sich hinter diesem großen „Wir“ nicht ein Oberbefehlshaber oder König? Ein größenwahnsinniger Alleinherrscher, wie er heute wieder in Mode kommt, zumindest in den USA, Russland oder China? Dann haben wir diese Einheitssprache unter die Lupe genommen und entdeckt: Sie ist sehr arm an Poesie und Geheimnis, es ist eine Sprache, die Eindeutigkeit vorgaukelt und Menschen dadurch manipuliert. Demnächst werden wir den 6. Vers genauer anschauen, denn was Luther mit „…dies ist der Anfang ihres Tuns“ übersetzt, kann man auch so übersetzen: „…dies ist Entweihung in ihrem Tun“. Könnte es also sein, dass Gott uns vor dieser entweihenden Einheitssprache der mächtigen Manipulierer schützt und uns deshalb das Geschenk der Sprachenvielfalt schenkt? Dazu fällt mir das schöne Gedicht von Rainer Maria Rilke ein:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort
Sie sprechen alles so deutlich aus.
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus.
Und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Spiel mit dem Spott.
Sie wissen alles, was ist und was war.
Kein Berg ist ihnen mehr wunderbar.
Ihr Garten und Gut grenzt gerade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: Sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Ich wünsche Ihnen Worte, die das Leben zum Singen bringen.

Herzlich grüßt Sie
Ihr Pfarrer Matthias Leibach