Angedacht

Gesichter
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Angedacht

Liebe Leserin, lieber Leser,

regelmäßig höre ich Klagen darüber, dass es schon so früh weihnachtet. Vor allem in den Geschäften: Spekulatius und Lebkuchen schon Anfang Oktober. Das sei doch nicht richtig. Dabei haben sich auch rechtgläubige Christ.innen längst an ein „zu früh“ gewöhnt. Mit dem Advent beginnt für viele die Weihnachtszeit. Und da ist es selbstverständlich, dass die Wohnung weihnachtlich geschmückt wird, inklusive Adventskranz und -kalender, Weihnachtskrippe oder dem Christbaum schon Wochen vor Heiligabend. Auch der Garten erscheint schon jetzt im Glanz der Lichterketten. Aber ist das richtig? Streng genommen überhaupt nicht. Denn die Adventszeit ist keine Festzeit, schon gar keine Weihnachtszeit, sondern eine Fastenzeit. Also ursprünglich geprägt von Verzicht und der Weisheit: „Weniger ist mehr“. Die allermeisten aber überbieten sich im Schmücken nach dem Motto: „Viel hilft viel.“

Wer mich kennt, der weiß: Ich halte nicht viel von der Unterscheidung: richtig und falsch. Und so möchte ich es auch hier halten. Zumal mir neulich einer ein Duftspray geschenkt hat, das die beiden süßen Kinderengel aus dem Gemälde des Rafael ziert. Die gibt es millionenfach auf Bildchen, Tassen, Kerzen, Sinnsprüchen an der Wand, sogar auf Klopapier. Und auch da könnte man die Nase rümpfen und sagen: „Das ist nicht richtig.“ Denn Engel, das sind doch Boten Gottes. Die kommen in der Bibel mit dem Schwert daher und sind alles andere als niedlich. Und die Rafael-Engelchen sind doch nur Randfiguren. Im Mittelpunkt des Gemäldes steht Maria mit dem Jesuskind! Aber klar: Das Wesentliche wird weggelassen.

Oft sagen wir dann: „Das ist Kitsch“. Aber was ist Kitsch überhaupt? Wohl eine Möglichkeit, etwas Spirituelles übertrieben, oft auch in Stereotypen so auszudrücken, dass es uns rührt. Doch wenn ich sage: „Das ist kitschig.“, dann werte ich ab. Dann sage ich unausgesprochen: „Da fehlt was.“ Oder: „Damit machst Du es Dir aber einfach!“ oder: „Das ist primitiv!“ Das möchte ich vermeiden. Denn meine Überheblichkeit, die mich meines vermeintlich besseren Geschmacks oder höherer Bildung versichert, versperrt mir gleichzeitig den Weg, weiter zu fragen: Was will mir das Engelbild zeigen? Was ist das Bedürfnis hinter dem verfrühten Schmücken vor Weihnachten?

Die Antwort darauf wird jede und jeder für sich selbst finden. Ich stelle jedenfalls fest, dass es fast eine evangelische Praxis ist, sich mit Kitsch zu umgeben. Denn wir Evangelischen legen doch Wert auf das Wort Gottes. Und mehr noch: Dass es so gepredigt wird, dass es uns Menschen berührt und verwandelt. Dass wir die Möglichkeit haben, das Unbegreifliche zu begreifen. Dass Gott Mensch wird, ist in der Tat unbegreiflich. Dass Gott die Liebe ist und durch uns zur Welt kommen will – wer soll das verstehen? Nun, mit Hilfe von rührenden Engelbildern, mit dem Wunsch es hell und schön zu machen, begreifen wir es ganz wörtlich. Wir nehmen die Weihnachtsbotschaft dann für uns in die Hand. Freilich, es kommt auch darauf an, darüber nachzudenken. Aber wenn ich es fühle, geht das noch besser. Die Engelchen und der Weihnachtsschmuck helfen uns dabei.

Herzlich grüßt Sie
Ihr Pfarrer Matthias Leibach