Angedacht
Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. (1. Mose 20,2f)
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Bibel geht davon aus, dass Menschen Götter brauchen. Dass sie Statuen, Bilder und Vorstellungen anbeten, von denen sie sich Orientierung, Glück und Halt erhoffen. Die Bibel sagt also: Dass Du etwas anbetest, das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Aufgeklärte Zeitgenossen werden dem sicher widersprechen. Mein atheistischer Vater, den ich sehr geliebt habe, hat mich immer gefragt: „Warum brauchst Du so einen Gott? Es geht doch auch ohne!“ Dem habe ich die Tatsache entgegengehalten, dass 90 Prozent der Weltbevölkerung religiöse Menschen sind und dass ihre Zahl steigt. Die Hoffnung der säkularen Aufklärung, der Mensch werde seinen Glauben ablegen und sich nur noch an sein Wissen halten, habe sich nicht erfüllt. Doch das ist ein schwaches Argument. Erst als ich meinen Vater fragte: „Was gibt Dir im Leben Halt?“ ergab sich ein schlagendes Argument. Er antwortete nämlich: „Dass ich für Dich da sein und Dich aufwachsen sehen konnte, war für mich ein Glück.“ Ich erinnerte ihn dann daran, dass er nicht nur für mich da war, sondern für seine geliebte Natur. Er war schon als Kind Vegetarier geworden, seine besten Freunde als Jugendlicher waren seine Hunde. Er hatte schon in den siebziger Jahren angefangen, Vollkornbrot zu backen in Bio-Qualität. Lange bevor es so etwas wie eine Bio-Bewegung, geschweige denn Bio-Läden gab. Er las die Monatszeitschrift „natur“, von Host Stern herausgegeben. Und in seinen Diskussionen oder seinem Unterricht als Chemielehrer ging es immer wieder darum: „Schützt die Natur, denn wir sind ein Teil davon. Zerstören wir sie, sägen wir uns den Ast ab, auf dem wir sitzen.“
Martin Luther sagte: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Mein Vater hängte sein Herz an die Natur, die er als Naturwissenschaftler versuchte, gedanklich zu durchdringen und an mich, seinen einzigen Sohn. Die Liebe zu diesen beiden, das hat ihn angetrieben, erfüllt und ausgemacht. Luther könnte sagen: Diese beiden waren seine Götter.
Woran hängst Du Dein Herz? Welcher Geschichte, Ideologie oder Vorstellung gibst Du die Bedeutung, dass sie Dich antreibt, erfüllt und ausmacht? Das erste Gebot sagt Dir: Dass Du glaubst – auch wenn Du Dich als nicht religiös erfährst – ist normal. Es kommt also nicht darauf an, dass Du glaubst. Das tust Du sowieso schon. Wichtiger ist: An welchen Gott Du glaubst. Dienst Du einem Gott, der Dich abhängig macht und letztlich zu bösem Handeln antreibt wie rassistische, nationalistische, faschistische Ideologien oder der Glaube an die Technik, der davon ausgeht, dass uns Künstliche Intelligenz erlösen wird… Oder hängst Du Dein Herz an einen Gott, die Dich aus der Sklaverei, aus Abhängigkeit herausführt. Einen Gott, der Dich die Liebe lehrt. So wie bei meinem atheistischen Vater. Auch wenn ich ihm seinen geliebten Atheismus lasse. Für mich hat er an Gott geglaubt: An die Liebe zu den Menschen und zu Gottes Schöpfung.
Herzlich grüßt Sie
Ihr Pfarrer Matthias Leibach
