Angedacht

Gesichter
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„…und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ (Lukas 2,7)

Liebe Leserin, lieber Leser,

ist die Geschichte, die wir Weihnachten hören, unsere? Hat sie etwas mit uns zu tun? Immerhin trennen uns nach der einmal festgelegten Zeitrechnung exakt 2025 Jahre vom damaligen Geschehen in Betlehem. Damals sind da zwei junge Leute, Maria und Josef. Sie ist schwanger, obwohl sie nur verlobt ist. Damals bringt ein uneheliches Kind eine Mutter in Lebensgefahr. Und für die Mächtigen sind beide nur Zahlen. Wegen des Kaisers Volkszählung müssen sie ihre Heimat Nazareth verlassen und nach Bethlehem reisen. Eine anstrengende, gefährliche Reise zu Fuß, vielleicht mit Unterstützung eines Lasttieres. Und dort, in der Fremde, kein Raum in der Herberge. Nur eine Rinne oder ein Gestell fürs Viehfutter war noch frei, also legen sie dort den Heiland rein. Dann die nächtlichen Gestalten, Landstreicher im wahrsten Sinne des Wortes, ohne Heimat, ohne Unterkunft, ohne Leumund und Achtung. Diese Hirten bekommen als erste gesagt, was da geschehen ist: Gott wird Mensch in ärmlichsten Verhältnissen, bei kleinen Leuten, entwurzelten Leuten. Nach der Geburt des Kindes gibt es das Massaker an allen Kleinkindern in Bethlehem. Nur mit knapper Not und weil Josef ein Gespür für die Warnung des Himmels hat, entkommen Sie dem sicheren Tod. Sie fliehen nach Ägypten. Die heilige Nacht macht diese Familie letztlich zu Flüchtlingen.

Was hat diese Geschichte mit uns zu tun? Auf den ersten Blick wenig. Wir sind – zumindest die allermeisten – sicher zu Hause. Nicht auf der Reise, nicht auf der Flucht. Wir haben, wenn wir Kinder zur Welt bringen, Kliniken, Hebammen und Ärzt.innen zur Seite. Wir haben Raum für unsere Familien, für uns selbst, sogar für unsere Arbeit, Freizeit, unsere Meinung. Wir leben in Sicherheit. Und doch kann sich jede und jeder von uns im übertragenen Sinn in den Gestalten dieser Geschichte wiederfinden: Sind wir nicht alle bisweilen auch Entwurzelte, wie die Hirten und wie das weihnachtliche Paar? Menschen heute fühlen sich abgehängt, übergangen, übersehen, im schlimmsten Fall verachtet oder verletzt von Arbeitskollegen oder dem/der Partner.in. Und sind wir für unsere Regierungen mehr als nur Zahlen? Oder lauert nicht der Krieg vor der Haustüre, so jedenfalls die Angst vieler Menschen.

Das Tröstliche an Weihnachten ist: Gott wird Mensch nicht irgendwo, sondern genau dort, wo wir ihn nicht erwarten. Im Gedränge und dem Chaos von Bethlehem und Aschaffenburg, in unserer Armut an Leib und Seele, da wo wir uns ungeliebt, benachteiligt, ja fremd in der alten Rolle, in der eigenen Haut fühlen. Dort macht Gott einen neuen Anfang mit uns. Dort sagt er: Fürchte dich nicht – denn ich bin da. Du wirst staunen über das, was alles neu entstehen kann aus dem, was Du fürchtest: Aus Armut kann die Fülle werden, weil Du erkennst: Wo die Liebe ihr Nest, ihre Krippe findet, braucht man kein Vermögen, um glücklich zu sein. Wo Menschen sich beistehen und gemeinsam ein Gespür für den Himmel entwickeln, beginnt schon heute das Reich Gottes. Im Kleinen, in der Krippe, aber strahlend schön. So stark strahlend, dass sein Licht uns noch 2025 Jahre später erreicht und verwandelt.

Herzlich grüßt Sie mit den besten Wünschen für Weihnachten
Ihr Pfarrer Matthias Leibach