Angedacht

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Angedacht

„Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein.“ Markusevangelium 10,45

Liebe Leserin, lieber Leser, 

wer wollte nicht groß sein, als großartig angesehen werden? Eine menschliche Sehnsucht, die den eigenen Selbstwert unterstreicht. Doch was Menschen dann tun, um vermeintlich groß zu gelten, lässt sie oft klein erscheinen. Jesus sagt in der oben angedeuteten Geschichte, wen er für großartig hält. Was war passiert? Jakobus und Johannes kommen zu ihm mit einer Bitte: Lass uns zu deiner Rechten und zu deiner Linken sitzen! Diese Bitte ist sonderbar, denn sie sitzen ja schon jetzt ganz nah bei Jesus. Ein Kapitel vorher nimmt Jesus sie zusammen mit Petrus auf den Berg seiner Verklärung, nur sie allein, heißt es. Sie gehören also zum innersten Leitungskreis seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger. Mehr Nähe geht nicht. Worum geht es ihnen also dann? Bisher hatte ihnen diese Nähe zu Jesus genügt. Seit dem Gipfelerlebnis aber wissen sie: dieser Jesus ist auf jeden Fall ein ganz Großer. Und sie, die kleinen Fischer vom See Genezareth gehören zu ihm. Wenn sich das nicht auszahlt! Vielleicht können wir ihre Bitte so übersetzen: Wenn Du als Messias Israel regierst, dann ernenn uns doch zu deinen wichtigsten Ministern! Sie sehen sich also schon am Kabinettstisch der Regierung Jesu, wo sie so etwas wie Vizemessias und Außenminister wären. Solche Aussichten sind verlockend. Wir kennen diesen Traum vom großen Aufstieg, vom Tellerwäscher zum Milliardär.

Das Problem an diesem Traum ist nicht, dass er so selten wahr wird. Das Problem ist, dass er uns vom wirklichen Leben abschneidet. Das Hier und Jetzt wird unwichtig, weil nur die goldene Zukunft zählt. Dass Du vielleicht viel weißt, ist nicht genug. Es muss sich auszahlen für dich. Dass du hübsch bist, ist nicht genug. Es muss dich weiterbringen. Dass du Gaben hast, ist nicht genug, es muss dir was nützen. Dieser Aufstiegswunsch birgt eine Haltung, die bald alles unter das Diktat des Nutzens und Verdienens stellt. Unsere Wirtschaftsweise und ihre Finanzkrisen zeigen: ein System, das nur darauf aus ist, den größten Nutzen, den größten Profit aus allem zu schlagen, führt in den Zusammenbruch. Der Traum vom großen Aufstieg ist in Wirklichkeit ein Alptraum für viele. Und er macht den einzelnen nicht reich, auch wenn Millionen gewonnen werden, er macht das Leben letztlich arm. Wenn sich alles auszahlen muss, dann wird alles zu einer Rechnung. In dieser Rechnung gibt es keinen Platz mehr fürs Spiel, für das Spontane, für Leidenschaft und Liebe. Als Herrscher über Geld, über Ansehen, über Himmel und Erde, wird man zum Buchhalter und Tyrann des eigenen Lebens. Dann tut man seinem Leben und dem Leben vieler anderer Gewalt an. Gut zu sehen an den selbsternannten großartigen Herrschern unserer Tage. 

Jesus sagt: „Die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.“ So soll es bei Euch nicht sein. Eure Größe zeigt sich im Dienen füreinander. So hart seine Sätze klingen mögen, sie befreien uns doch von der Tyrannei des Nutzens und Verdienens auf Teufel komm raus. Wir müssen nicht Herrscher sein, die alles arm machen. Wir können Diener und Dienerinnen werden, die das Leben reich machen. Ich glaube, es sind diese Momente des Lebens, wo wir uns für andere einsetzen und hingeben, die unser Leben reich machen und großartig glücklich. 

Herzlich grüßt Sie
Ihr Pfarrer Matthias Leibach