Leben in der Ehe - Grundsätzliche theologische Betrachtung

Gemeindebrief 2019 - Ehe
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Die Ehe ist ein weltlich Ding, hat Martin Luther gesagt. Weder der Zölibat, also die bewusste Ehelosigkeit, noch die Ehe an sich bringen einem Menschen das Heil. Gott hat den Menschen die Ehe als gute Ordnung gegeben. Nicht mehr und nicht weniger. Das war zu seiner Zeit revolutionär. Denn damit fiel der
Sakramentscharakter der Ehe weg, was uns bis heute von unseren katholischen und orthodoxen Schwesterkirchen unterscheidet.


Heute wissen wir, wie sehr sich das Verständnis von Ehe im Laufe der Jahrtausende gewandelt hat. Der wichtigste Unterschied zu heute: In fast allen antiken Kulturen heiratete man nicht aus Liebe, sondern aus wirtschaftlichen, bisweilen auch aus dynastischen Gründen. Sagen Sie das heute einmal ihren Kindern! Deine Eltern suchen für dich den passenden Ehemann aus, der für dich sorgt und mit dem du viele Kinder bekommen sollst! Das klingt ja beinahe nach Zwangsheirat. Doch vor der „Erfindung“ der romantischen Liebe im 19. Jahrhundert war das auch bei uns in Mitteleuropa gängige Praxis.


Wenn also nicht eine bestimmte Form des Zusammenlebens Maßstab sein kann, was dann? Maßstab für ein gelingendes Zusammenleben ist nicht die „Ehe an sich“, sondern sind die Werte und Prinzipien, aus denen heraus man seine Beziehung gestaltet.

Obenan die Treue. „Bis dass der Tod euch scheidet“. Heute sagt man allerdings etwas moderner „euer Leben lang“ . Ich habe übrigens noch kein einziges Brautpaar getroffen, das mir gesagt hat, wir bleiben zusammen „solange es gut geht“. Gerade bei der jungen Generation ist Treue ganz wichtig. - Ich stehe zu dir, auch in schwierigen Momenten. Du kannst dich auf mich verlassen. Ich möchte zusammen mit dir alt werden. Die biblische Mahnung „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!“ meint übrigens genau dies: Bei aller Attraktivität, bei aller Schwachheit deiner Gefühle: Du sollst keine fremde Beziehung kaputt machen! Du sollst dich nicht in sie hineindrängen, denn auch du möchtest nicht, dass deine Liebe mutwillig zerstört wird. Also pass auf und schalte rechtzeitig deinen Verstand ein!

Treue und Verlässlichkeit münden ein in ein lebenslanges Gefühl der Verantwortlichkeit. Und das meint weit mehr als finanzielle Absicherung oder gemeinsam den Kredit fürs Haus abbezahlen. - Ich nutze deine Schwächen nicht aus, sondern helfe dir bei dem, was dir schwer fällt. Du hast mich in der Öffentlichkeit noch nie blamiert! Wir stehen füreinander ein und lassen uns von niemandem auseinander dividieren. Wir übernehmen gerne gemeinsam Verantwortung als Eltern unserer Kinder und sind für unsere alt gewordenen Eltern da.

Jede Beziehung, die über die Phase der Schmetterlinge im Bauch hinausgeht, lebt darum vom Kompromiss. Der gemeinsamen Suche nach dem für beide besten Weg. Prinzipienreiter können Angst machen. Weils sie meist unnachgiebig und kalt sind. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Und weil dem so ist, steckt in jedem guten Kompromiss neue Lust auf Leben. Weil es sich zusammen einfach besser leben lässt als allein. Weil ein vielleicht mühsam errungenes Wir trotz allem viel stärker ist als ein noch so prinzipienreines Ich.

Und wenn es am Ende dann doch nicht klappt mit der lebenslangen Treue und Liebe? Wenn eine Ehe scheitert? Augen zu und durch? So sehr Jesus gemahnt hat, man solle nicht scheiden, was Gott zusammengefügt hat, so wenig hat er gewollt, dass zwei Menschen wie Sklaven aneinander gekettet bleiben. Auch hier wieder: Ich habe noch nie einen geschiedenen Menschen erlebt, der seine Trennung nicht als persönliches Scheitern erlebt hätte. Eine Trennung ist ein tiefer Einbruch in die Biographie eines Menschen und kann einen in seinen Grundfesten erschüttern. Und wer sich danach neu verliebt, wird gleichwohl nie vergessen, was er schon einmal versucht und nicht geschafft hat. Gott aber, der uns in Jesus Christus unsere Schuld vergibt, wenn wir ihn darum bitten: Der sollte einem solchen Neuanfang seinen Segen verweigern? Das wäre nicht der Gott der Bibel, wie ich ihn kenne.

Ein letztes: Ehe nur für Mann und Frau oder auch gleichgeschlechtlich, gemeinhin Ehe für alle genannt? Da scheiden sich die Geister. Jahrzehntelang in der Kirche verpönt. Auch die Bibel scheint hier eine eindeutige Sprache zu sprechen. Doch die „Ehe für alle“ hat mit der Knabenliebe der Antike, die ja in Wahrheit nichts anderes als übelste sexuelle Ausbeutung Minderjähriger war, nichts zu tun. Ein drittes Mal der Blick auf die Praxis: Ich kenne einige gleichgeschlechtlich orientierte Menschen, die in festen Paarbeziehungen leben. Manche mit, manche ohne Trauschein. Keines dieser Paare würde seine Beziehung anders beschreiben als eine liebende Gemeinschaft von zwei Menschen, auf Dauer angelegt. In gegenseitiger Treue und Fürsorge und Verantwortung füreinander. Gerne auch mit Verantwortung für gemeinsame Kinder. Und der stetigen Suche nach dem für beide besten Weg. Eines jedenfalls verstehe ich nicht: Wieso die gleichgeschlechtliche Ehe angeblich die Ehe von Mann und Frau zerstören soll. Die Zahl der Ehewilligen steigt übrigens die letzten Jahre an. Und die Zahl der Scheidungen nimmt in gleichem Maße ab. Aber dafür kann die Ehe für alle nun auch wieder nichts …

Autor: Rudi Rupp, Dekan

 

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