Schweigen, Reden, Stille. – Weihnachtskrippe und weihnachtliche Erfahrung

Die Darstellung der Geburt Jesu – ein Bann wird gebrochen

Wenn die Menschen mit einem bösen Zauber gebannt sind, schweigen sie und die Tiere reden. Märchen benutzen dieses Mittel der Erzählung: Der Bär in „Schneeweißchen und Rosenrot“ weiß mehr, bis das Böse überwunden ist: Der Zwerg, die Verkörperung boshafter Raffgier. Dann ist der Bann gebrochen, der Bär wird zum Prinzen und die Menschen reden und heiraten und alles wird gut.

Krippendarstellungen nutzen diesen Moment: Ein Ehepaar bekommt einen Buben. In der Lukasversion der Geburt Christi beginnen die Menschen aber erst zu sprechen, nachdem der Engel aufgetreten ist und erklärt, was geschehen ist: „Euch ist heute der Heiland geboren!“. Schließlich setzt sich die gesamte Szene in Bewegung: Die Engel verabschieden sich gen Himmel, die Hirten machen sich auf den Weg „um die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist“, die drei Weisen aus dem Morgenland erscheinen am Horizont und Herodes erschrickt so, dass ganz Jerusalem bibbert. Die Menschen machen sich auf und bringen Geschenke. Das alles wird in der Volkskunst dargestellt, in den unzähligen idyllischen Landschaften, die ihre jeweilige Zeit, ihre Landschaft und Kultur aufnehmen. Krippen zeigen weltweit, wie Christus zu allen Menschen kommt. Genau das Lösen des Bannes, die Rede des Engels, illustrieren die Krippen und die Betrachter wissen dann ebenso wie Maria und Josef,  dass ihr Kind der Retter der Welt ist. Und alle bewegen die Worte des Engels in ihren Herzen. Und zwei haben es immer gewusst, denn so heißt es im Propheten Jesaja: Ochs und Esel erkennen den Messias, nicht aber mein Volk. Diese Tiere sind Zeugen eines göttlichen Wissens, die aber nach der Botschaft der Engel nicht mehr gebraucht werden.

Weihnachten als Bannbruch heute?

Wenn niemand redet und sich inspirieren lässt, weil man in der vielen Arbeit oder Ressentiments gebannt ist und nicht herauskann, ist man wie in einem bösen Zauber gefangen. Die Weihnachtsbotschaft inspiriert die Menschen. Man redet, man redet miteinander. Der Bann des Schweigens ist gebrochen. Deutlich wird: Krippendarstellungen mögen sich in der Volkskunst verselbständigen und ein faszinierendes Panorama des Lebens zeigen, aber verbunden sind sie immer mit dem weihnachtlichen Erleben. Thomas von Celano erzählt in seinen Legenden, wie der Heilige Franziskus den armen Menschen die Demut Christi mit seiner Geburt vor Augen führte und dazu eine Krippe aufzustellen bat. Franziskus sang das Weihnachtsevangelium und predigte darüber, um den „vergessenen“ Herrn wieder in die Herzen zu holen. Selbst das Heu dieser ersten Krippe war wundertätig und die kranken Tiere, die es fraßen, wurden gesund und Gebärende, die man damit bedeckte, hatten plötzlich eine leichte Geburt. Das weihnachtliche Wunder breitet sich aus in die Welt. Thomas von Celano erzählt ein weihnachtliches Ereignis, das die gesamte Welt verändert und selbst zu einer weihnachtlichen Landschaft werden lässt. Franz von Assisi übernimmt die Rolle des Engels.

Die heilige Familie

Doch in jeder Krippe dürfen die drei nicht fehlen: Jesus, Maria und Josef. Sie sind ein Vorbild, immer wieder neu und sie stehen für die wichtigste Gemeinschaft, aus der ich komme: die Familie. Selbst wenn die christlichen Inhalte nicht mehr wichtig zu sein scheinen, dieses Symbol aus der Weihnachtskrippe scheint sich gegen alle Ein- und Widersprüche zu halten. Weihnachten ist dann ein Fest, an dem man sich trifft und hoffentlich miteinander redet und versucht, manche offenen Fragen auszusprechen und im Guten zu lösen, dabei verteilt man Geschenke und fühlt sich verbunden. Das verweltlichte Weihnachten formt das religiöse Fest um, indem sich Brauchtum und ein ethisches Anliegen vermischen. Endlich eine Gelegenheit, sich zu treffen und miteinander zu reden. Weihnachten werden wir vernünftig.

Weihnachten - nur ein Familienfest?

Aber ist das Weihnachten? Es fehlt die Verwandlung des Gemüts, genau dieses Gefühl, das in kindlicher Freude das Weihnachtsfest auf sich zukommen sieht. Ja, es ist das, was uns in positiver Weise verzaubert. Die innere Freude entsteht, sobald Krippen betrachtet werden. Sie ist da, sobald man am Weihnachtsabend in der mit Kerzen illuminierten Kirche das Weihnachtsevangelium hört und die schönen althergebrachten Weihnachtslieder singt. Die Kritiker des Christentums haben dafür keinen Ersatz, liefern nichts Vergleichbares und übertönen ein solches Defizit mit dem „X-mas - Krach“. Es ist Dietrich Bonhoeffer, der in seinem Lied: „Von guten Mächten treu und still umgeben“, eigentlich ein Lied zum Altjahresabend, sich an das Weihnachtsfest erinnert und in Form eines Gebets ausdrückt, was Weihnachten ist: Weihnachten ist Ausdruck einer tiefen Zuversicht auf alles, was kommen mag. Das wird am Weihnachtsabend irgendwann bewusst, wenn alles gesagt ist und alle schweigen und still werden und die Kerzen des Baumes brennen:

„Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die Du in unsere Dunkelheit gebracht. Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen! Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.“ (EG 65.5)

Autor: Markus Geißendörfer

 

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